Ein epischer Bericht aus einer Welt zwischen Licht und Nebel, über göttliche Begegnungen, innere Prüfungen und die Kraft des Erinnerns.
Es gibt Orte, die nicht auf Karten verzeichnet sind – Welten, die nur jene betreten können, die bereit sind, sich selbst zu verlieren, um das Wahre zu finden. In einer dieser Zwischenwelten lebe ich – als Schamane, als Brücke, als Wanderer. Dieser Text ist kein Märchen, keine Lehre – es ist Erinnerung. Eine Reise in das Herz des Nebels, in die Tiefe des Seins, zu den Göttern und zurück.

Ich bin kein Kind einer Zeit, wie ihr sie kennt. Mein Atem weht durch die Ritzen der Welten, mein Schritt hallt auf Pfaden, die zwischen Licht und Nebel verlaufen. Ich bin ein Wanderer in jener Sphäre, die weder ganz hier noch gänzlich dort ist – ein Ort zwischen den Realitäten, gehüllt in Dämmerlicht, durchzogen von den Stimmen der alten Götter.
Sie nennen mich Schamane. Nicht weil ich den Namen wollte, sondern weil die Welt ihn mir gab, als ich das erste Mal durch das Tor trat. Ich erinnere mich an das Knistern der Luft, als der Himmel sich öffnete – nicht wie ein Gewitter, sondern wie ein Lied, das nur die Seelen hören können, die zu sehen wagen. Dort stand ich, nackt vor der Unendlichkeit, und die Götter sprachen meinen wahren Namen.
Seit jener Stunde bin ich ihr Bote, ihr Suchender, ihr Erinnernder.
Ich habe gelernt, die Runen zu lesen, nicht wie Zeichen auf Stein, sondern wie lebendige Wesen. Sie tanzen vor meinen Augen, wenn der Wind aus dem Norden weht, flüstern mir Geschichten aus der Zeit vor der Zeit. Jede Rune ist ein Tor, ein Pfad zu einem anderen Aspekt des Seins. Wenn ich sie singe, öffnet sich die Welt, und die Geister erwachen aus ihrem Schlaf.
In den Nächten, wenn das Firmament blutet und die Sterne schweigen, sitze ich am Feuer aus Gedanken, mein Blick tief im Flammenbild versunken. Dann erscheinen sie – Odin mit seinem Mantel aus Rabenfedern, Freyja in der Gestalt eines Falken, Thor mit dem Donner in den Augen. Sie sprechen nicht in Worten, sondern in Bildern, Klängen, Empfindungen. Und ich verstehe sie, als wären ihre Stimmen Teil meines eigenen Herzens.
Doch der Pfad des Schamanen ist kein stiller. Ich trage Narben, die nicht aus Fleisch, sondern aus Erinnerung bestehen. Jede Reise in die Anderswelt kostet einen Teil meiner selbst. Ich lasse Stücke meiner Seele an den Ufern fremder Seen zurück, als Zeichen, dass ich dort war. Und doch kehre ich immer zurück – verändert, erleuchtet, manchmal gebrochen.
Denn das ist meine Gabe: zwischen den Welten zu gehen, dort zu lauschen, wo andere schweigen, und heimzukehren mit dem, was nicht in Bücher geschrieben werden kann.
Manchmal, wenn der Nebel besonders dicht ist und selbst die Bäume schweigen, begegnen mir die alten Seelen. Sie tragen die Gesichter der Ahnen, ihre Augen wie Spiegel, in denen ich mich selbst erkenne – nicht, wie ich bin, sondern wie ich war, in Leben, die nur der Wind erinnert. Sie bringen mir Wissen, das nicht gelehrt wird, sondern erinnert werden muss. Worte, die nicht ausgesprochen, sondern erspürt werden.
Ich reise nicht allein. Ein Wolf begleitet mich – nicht aus Fleisch, sondern aus Geist. Sein Fell ist silber wie der Frost auf den Ästen des Weltenbaums, seine Augen brennen wie die Nordlichter. Er spricht nicht, doch ich verstehe ihn. Er war einst Teil meiner Seele, vielleicht bin ich Teil seiner. Wir teilen das gleiche Heulen in der Nacht.
Wenn ich durch die Traumzeit wandle, sehe ich das Gewebe der Welt – die Fäden aus Licht und Schatten, verwoben in unendlichen Mustern. Ich weiß: Jeder Gedanke, jedes Wort, jede Handlung zieht Spuren in dieses Netz. Und so achte ich auf meine Schritte, spreche in Stille, handle mit Bedacht. Denn ich bin nicht nur Schamane – ich bin Zeuge des Werdens.
Es war während der längsten Nacht, als das Licht der Welt sich in sich selbst zurückzog und die Schatten die Herrschaft übernahmen. Ich spürte den Ruf in meinem Innersten – kein Laut, keine Stimme, sondern ein Ziehen, ein leiser Riss im Gewebe meiner Welt. Ich folgte ihm, barfuß, durch Schnee, der nicht kalt war, sondern still. Jeder Schritt ließ die Welt hinter mir verblassen, bis nur noch Nebel blieb.
Am Ende dieses Weges stand Yggdrasil, der Weltenbaum – gewaltig, lebendig, seine Wurzeln tief in Träumen, seine Krone im Hauch der Sterne. Dort warteten sie.
Odin trat zuerst hervor, die Kapuze tief über das eine Auge gezogen, das andere durchbohrte mich wie ein Speer. „Du hast gesehen“, sprach er, „aber hast du auch verstanden?“ Seine Stimme war wie Rinde, rau, uralt, doch voller Wissen. In seiner Hand hielt er einen Schlüssel – geformt aus Licht und Leere zugleich. Ich wusste: Dieser Schlüssel passte nicht zu Türen aus Holz, sondern zu denen in mir selbst.
Freyja erschien im nächsten Moment – golden, strahlend, umgeben von einem Schwarm aus Träumen. Sie legte mir ihre Hand auf die Stirn, und für einen Augenblick konnte ich fühlen, wie die Welt liebt. Nicht wie Menschen lieben – sondern wie der Wind die Weite liebt, wie das Meer seine Tiefe.
Und dann Thor. Wie ein Sturm brach er durch das Schweigen. Donner grollte in seinen Adern, doch in seinen Augen lag Trauer. „Stärke ist nichts ohne Herz“, sagte er nur, und reichte mir seinen Hammer – nicht zum Kampf, sondern zum Tragen. Er war schwerer als jedes Metall, denn er bestand aus Verantwortung.
Sie alle sprachen zu mir, jeder auf seine Weise. Und als ich erwachte, trug ich nicht nur ihre Stimmen in mir – ich war selbst ein Teil ihrer Geschichte geworden.

Nach der Begegnung mit den Göttern blieb etwas in mir zurück – nicht greifbar, doch gewichtig wie ein Stein im Herzen. Ich wusste, dass die wahre Prüfung noch vor mir lag. Denn Erkenntnis ist kein Geschenk – sie ist ein Feuer, das dich prüft, dich zerschmilzt und neu schmiedet. Und so begab ich mich dorthin, wo selbst die Götter schweigen: in den Schlund des eigenen Schattens.
Ich trat durch das Tor aus Knochen und Nebel, hinab in die Tiefen meines Selbst. Dort wartete kein Feind, sondern das, was ich zu vergessen versuchte: Zweifel, Angst, Zorn. Sie standen vor mir in Gestalt von Bestien – aus Rauch und Erinnerung geformt. Sie kannten meinen Namen, flüsterten meine geheimsten Gedanken, stellten jede Wahrheit infrage, die ich je geglaubt hatte.
Ich kämpfte nicht mit Waffen. Ich begegnete ihnen mit offenen Augen, ließ ihre Klauen mein Herz berühren, ihre Worte mein Innerstes durchdringen. Ich ließ zu, was ich lange verdrängt hatte: Dass Schwäche kein Makel ist, dass Verletzlichkeit eine Tür zur Tiefe ist. Erst als ich aufhörte, mich zu wehren, begann ich zu verstehen.
Im Herzen dieser Dunkelheit fand ich mein wahres Spiegelbild – nicht den Schamanen, den andere sahen, sondern das Wesen darunter: roh, ehrlich, unbegradigt vom Urteil der Welt. Und genau dort, in dieser nackten Wahrheit, kehrte das Licht zurück. Kein blendendes Strahlen – sondern ein sanftes Leuchten, geboren aus mir selbst.
Als ich zurückkehrte, war ich verändert. Die Runen flüsterten lauter, die Geister neigten sich tiefer, und selbst der Wind sprach meinen Namen mit mehr Ehrfurcht. Ich hatte Kraft gewonnen – nicht durch Sieg, sondern durch Hingabe. Weisheit – nicht durch Belehrung, sondern durch Erleben.
Und nun, wenn ich die Trommel schlage und der Rhythmus die Schleier hebt, weiß ich: Ich bin nicht mehr nur Bote. Ich bin Teil der Geschichte, aus der die Welten gewebt sind.
Einmal im Zyklus der Sonnen, wenn der Himmel sich für einen Moment färbt wie der Atem der Ahnen, versammle ich mein Volk am Ufer des Nebelsees. Kein Ort ist heiliger – denn dort berühren sich die Welten. Die Wasser schweigen dort nicht; sie singen in alten Tönen, wenn der Mond sie küsst. Es ist die Nacht des Erinnerns – das Ritual der Seelenbrücke.
Wir entzünden das Feuer nicht mit Holz, sondern mit Namen. Jeder spricht den eines Verstorbenen, den er liebt, und wir weben daraus ein Licht, das keine Flamme kennt. Ich sitze im Zentrum des Kreises, die Trommel auf meinen Knien, bemalt mit Runen, die nur in dieser Nacht erwachen. Mit jedem Schlag öffnet sich das Gewebe zwischen Hier und Dort.
Dann beginnen sie zu kommen.
Nicht mit Donner und Glanz, sondern leise, wie das Rascheln von Blättern im Wind. Die Ahnen, die Götter, die alten Kräfte – sie wandeln unter uns. Manche weinen, manche lachen, manche schweigen nur. Ich bin das Auge, das sieht, das Ohr, das hört. Und ich spreche, wenn niemand mehr zu sprechen wagt.
In diesem Moment bin ich Brücke, Gefäß, Klang.
Wenn das Ritual endet, kehren sie zurück – und lassen einen Hauch ihrer Weisheit zurück in jedem von uns. Ich lösche das Feuer mit einem letzten Wort, und Stille senkt sich wie eine Decke aus Sternen über uns. Wir gehen heim – verändert, getröstet, geerdet.
—
Und so bin ich der Schamane zwischen den Welten.
Der, der geht, wo andere nicht folgen können.
Der, der sieht, was andere nicht ertragen.
Der, der heimkehrt, um zu erzählen, zu heilen, zu erinnern.
Meine Reise endet nie – sie wandelt sich. Und ich mit ihr.

AHO

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