
Lino stand noch immer vor der alten Birke, den leuchtenden Stein in der Hand, als sich plötzlich der Boden unter ihm öffnete – ganz leise, wie ein Atemzug. Eine Wurzel schob sich beiseite, und darunter erschien eine kleine, dunkle Öffnung.
Zögernd beugte er sich hinab. Ein leises Grollen war zu hören, und aus der Tiefe stieg ein warmer, metallischer Geruch empor. Dann flackerte ein rotes Licht auf, und der Stein in seiner Hand vibrierte sanft.
„Lino… Svartalfheim ruft…“, flüsterte wieder die Stimme.
Er kniete sich hin, kroch durch das Wurzelloch – und plötzlich rutschte er! Es ging tief hinab, durch Erde und Stein, bis er auf einem moosigen Boden landete.
Er war in einer Höhle, groß wie eine Halle. Überall schimmerten Kristalle in den Wänden, und aus Felsspalten stiegen Dampfwolken auf. Seltsame Maschinen ratterten und pochten irgendwo im Hintergrund. Dies war Svartalfheim, das Reich der Schwarzalben – der uralten Erdwesen, die einst Waffen für die Götter schmiedeten.
Lino ging vorsichtig weiter. Plötzlich hörte er ein leises Knurren.
„Ein Menschenkind? Hier unten?“ Eine dunkle Gestalt trat aus dem Schatten. Klein, mit ledriger Haut, leuchtenden Augen und einem Helm, der aussah wie ein auf den Kopf gesetzter Amboss.
„Was suchst du hier, Kleiner? Verirrt? Oder etwa… ein Dieb?“ Er trat näher.
Lino schluckte. „Ich… ich habe einen Ruf gehört. Nach Alfheim. Der Stein hat ihn mir gezeigt.“
Da lachte die Gestalt krächzend. „Alfheim? Lichtalben? Pah! Die da oben baden im Sonnenlicht, wir hier in Dampf und Stein! Geh wieder heim, Kleiner.“
Doch da tauchte ein zweites Wesen auf – jünger, mit blitzenden Augen und einem Gürtel voller winziger Werkzeuge. „Warte, Onkel. Ich spür’ was in dem Stein. Alte Runenkraft.“
Er sah Lino an und grinste. „Ich bin Nori. Komm mit. Ich zeig dir einen Weg – aber du musst mir helfen.“
Lino nickte. Zusammen stiegen sie durch ein Labyrinth aus Gängen, durch dampfende Hallen, über schwebende Brücken. Nori erzählte von den vergessenen Wegen zwischen den Welten, und wie nur wenige sie noch kennen.
„Aber du… du trägst einen alten Ruf in dir. Vielleicht… bist du einer von denen, die den Baum wieder hören können.“
Am Ende führte Nori ihn zu einer Runentür aus schwarzem Stein. Lino legte den leuchtenden Stein in die Mitte – und die Runen begannen zu glühen.
Mit einem Klicken öffnete sich die Tür.
Hinter ihr: ein schmaler Gang, der in rotes Licht getaucht war. Lino spürte Hitze auf seiner Haut.
Nori nickte ihm zu. „Muspelheim wartet. Pass auf dich auf.“
Und Lino trat durch die Tür – weiter, tiefer in die Welten Yggdrasils…
Fortsetzung folgt…

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